Der Künstler Ulrich Rölfing

von Eva-Maria Schöning

"Der Einfachheit der Form entspricht nicht unbedingt eine Einfachheit der Erfahrung" (Imdahl).

Um diese Erfahrung geht es in den Bildern von U. Rölfing. Sie sind zunächst in der Tradition der sog. "konkreten Kunst" zu sehen, d.h. einer geometrisch - konstruktiven Richtung der Moderne, in der es um die Konzentration auf die ureigenen bildnerischen Mittel, ihre Gesetzmäßigkeiten und Gestaltwerte geht. D.h. Linie, Fläche, Farbe, Form sind mit sich selbst identisch - sie sind autonom und frei von jeder übergeordneten, inhaltlichen, beschreibenden, abgeleiteten Funktion.

Die Grundform und das Maß, der Bezugsrahmen für die innerbildliche Bewegung von Quadrat - oder Rechteckformen ist in seinen Arbeiten die Vorgabe des Bildformats - zumeist ein Hochrechteck. Als zentrierendes Element wird in die Mittelachse ein kleines Quadrat als Grundeinheit gesetzt, dessen Verschiebungen in der Höhe unterschiedliche Proportionsverhältnisse und Spannungen im perspektivischen Sehen zwischen Fläche und Raum erzeugen. Dabei differenziert sich das Quadrat zur Gesamtfläche aus - entweder in Verdoppelung oder in Streckung hin zu Breit - und Längsrechtecken oder als mehrerer Quadrat - oder Rechteckformen. Frontalität und Symmetrie bewirken die hieratische Strenge des Bildbaus.

Im Gegensatz zur strengen geometrischen Konstruktion erscheinen die einzelnen Ränder der Formen unregelmäßig, aufgelöst, gerundet, so daß malerische Beweglichkeit in die statische Grundaussage tritt. Optische Beweglichkeit entsteht vor allem durch die unterschiedlich malerische Farbstrukturierung zwischen weich atmosphärischen Schwingungen und mehr trockener spröder Materialität, zwischen still bewegten und glatten ruhigen Zonen, zwischen Transparenz und Dichte, wodurch wechselnde Fläche - Raumwirkungen erzeugt werden. U. Rölfing benutzt zumeist Eitempera, was ihm ermöglicht, durch Überschichtungen und Lasuren eine Farbhaut aufzubauen, die unterschiedlich körperhaft atmet. Eine weitere Form der optischen Differenzierung ist der Dialog der Farben in der Begegnung der geometrischen Flächen. Hier geht es um die Wechselwirkung der Farben, ihre gegenseitige Beeinflussung - ein Thema, das J. Albers in seiner Serie der "Huldigungen an das Quadrat" untersucht hat. D.h. wir sehen Farbe nie als das, was sie ist, sondern als das, wie sie erscheint - nämlich in Relativität und Abhängigkeit von ihrer Umgebung. Im Gegensatz zu Albers neutral und homogen flächigem Farbauftrag strukturiert Rölfing die Farbsetzungen und läßt so zusätzliche Wechselwirkungen zwischen Fläche und Raum, Stillstand und Bewegung entstehen. Geometrie und Konstruktion stehen malerischem Farbleben gegenüber. Ratio und Intuition halten sich die Waage. Farbe und Form begegnen sich im Dialog - zwischen Nähe und Ferne, Kälte und Wärme, Angleichung und Abstoßung. Die Strenge und Einfachheit des Bildbaus fordert die Aktivierung des Sehens im Sinne von Albers Satz: "Wer besser sieht, schärfer unterscheidet, die Relativität der Fakten erkennt und weiß, daß es nie nur eine einzige visuelle Formulierung gibt, wird sowohl genauer als auch toleranter werden".

Zu einem festen Bezugspunkt wird das kleinste Quadrat in der Mittelachse, das die Bewegungen gleichsam bündelt und eine fast sakrale Blickhaftigkeit erhält. Sehen wird an diesem Ort zu einer verinnerlichten Suche nach Gewissheit, die unaufgelöst bleibt. In der Askese der Bildform, der Balance zwischen still bewegtem Farbleben und geometrischer Strenge liegt das meditative Bildangebot.

Als "Leibwerdungen" bezeichnet Rölfing die Arbeiten, die das Bildgeschehen durch eine Kombination von Bildfläche und objekthafter Skulptur in den realen Raum hin erweitern altarähnlichen Aufbauten vergleichbar. Meditativen Charakter erhalten auch die figürlichen Skulpturen mit ihrer in-sich-gekehrten Haltung und ihren Licht und Schatten einfangenden vor und zurück schwingenden Volumina - ätherisch, sich entmaterialisierende Raumfiguren bildend.


 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Alle gezeigten Werke sind urheberrechtlich geschützt.
Kommerzielle Verwendung nur nach vorheriger Absprache.
(C) Copyright by matinee.de