Stein des guten Glücks

von Ulrich Rölfing

Der Titel der Ausstellung weist auf die Plastik hin, die mir den tiefsten Kunsteindruck beschehrte, den ich während der Zeit, die ich als Stipendiat der Mal und Zeichenschule in Weimar verbrachte, empfangen habe: den "Stein des guten Glücks, Agathe Tyche" in Goethes Garten an der Ilm. Ich fand in dem Stein so etwas wie die Grundstruktur meiner eigenen Arbeit wieder, ein glückliches sich verstanden wissen.

Die goethesche Plastik ist äußerst einfach: Am Ende einer Malvenallee, freistehend vor Sträuchern und Bäumen, ein steinener Würfel und darauf eine etwas kleinere Kugel*1, so zueinander geordnet, dass der Mittelpunkt der Kugel auf der Mittelachse des Würfels zu liegen kommt. Beide sind somit zueinander zentriert. Entscheidend für die Wirkung der Skulptur ist ihre Platzierung im Garten, mit ihr steht sie im Dialog. Welch eine puristische Abstraktion! Da ist nichts von Winkelmann und klassizistischem Skulpturenideal, sondern schon eher Malewitsch und konkrete Kunst. Da ist Bildverneinung und Bilderstürmerei.

In Gedanken sehe ich Goethe und den Herzog von Weimar wie sie den Park an der Ilm von den barocken Skulpturen leerräumen, all die antiken Götter und die allegorischen Gestalten aus Stein in irgendein Depot verschwinden lassen, um stattdessen die unverfälschte Natur in ihr Recht zu setzen, ohne sie in Bildern nachgebildet zu deuten, zu besetzen und zu verstellen.

Die Plastik, die Goethe dann 1777 neu in seiner Gartenlandschaft aufstellte, ist keine ins Bild gebrachte Naturkraft, sondern der extreme Gegensatz zur Natur, ihre Antithese. In die organische Vielfalt der Formen, ins Werden und Vergehen, ist die Unveränderlichkeit und Endgültigkeit, die stille Klarheit der geometrischen Grundformen hineingesetzt: Quadrat und Kreis, Würfel und Kugel. So steht Denkform gegen Naturform. Eine Plastik, die nicht das Natürliche in Gestalten nachschafft, sondern einem geistigen Denkgebilde räumliche Existenz verleiht: Auslöschung der Natur in Geometrie. In dieser extremen Entgegensetzung liegt die Kraft und Wirkung dieser Plastik. Darin liegt der Grund, warum sie eine so große Befriedigung und heitere Stimmung auslöst. Garten und Skulptur sind komplementär zueinander, sie fordern sich gegenseitig heraus und ergänzen sich zu einer höheren Einheit.

Der berauschenden Vitalität der Natur ist die sich sammelnde Kraft des in sich zentrierten Geistes gegenübergestellt, nicht nur im Sinne der Negation, sondern auch im Sinne der Versöhnung. Um diese Beobachtung plausibel zu machen muss ich näher auf die Formverhältnisse des Steines eingehen.


 

 

Stein des guten Glücks , Adam Friedrich Oeser, 1777
164 cm, Goethes Garten an der Ilm, Weimar

Goethe entwickelt das Denkmal in Zusammenarbeit mit dem Leibziger Künstler Adam Friedrich Oeser. Dieser will Goethe von der Zweckmäßigkeit allegorischer Hinzufügungen überzeugen. "Da sollen Flügel an die Kugel und Wolken, damit der betrachtende Geist wirklich etwas zu denken habe." Darauf geht Goethe nicht ein, auch nicht auf den Vorschlag, dass die Kugel in Abstand zu dem Würfel angebracht werden müsse, um ihr Schweben zu verdeutlichen. *2 Goethe verzichtet auf jegliches allegorisches Beiwerk, wie er auf jegliche erklärende Inschrift verzichtet.

Die Kugel schwebt über dem Würfel, das ist der Anschauung sofort evident. Wenigstens dann, wenn man mit den Augen Malewitsch schaut, sich also auf ein qualitatives Formempfinden einläßt. Die Kugel ist vom Mittelpunkt her gebildet, eine sich in sich selbst tragende Form, sie hat also auch keine Schwere. Der Würfel ruht mit Gewicht auf dem Boden. In ihm ist Statik und Raumgebundenheit verkörpert, er ist die konzentrierte Form der irdischen Verhältnisse. Die Kugel senkt sich auf den Würfel nieder. Sie schwebt so über ihm, dass sie ihn in einem Punkt berührt. Somit ist die gängige Deutung des "Steins des guten Glücks" als die Darstellung einer Labilität durch die Kombination von einer unstabilen, sich immer bewegenden Sphäre und einem "Kubus, der Festigkeit und Tugend symbolisiert" entschieden zu erweitern. *3

Meine unmittelbare Beobachtung wenigstens ergibt das Erlebnis einer in sich ruhenden, allseitigen Kraft, die sich inspirierend, schwebend über der Raumgebundenheit des Würfels platziert.

Und damit ist bei aller Naturferne doch auch etwas von dem Inneren der Natur anschaulich ausgesprochen: Durch eine Formpolarität, die in ein solches Verhältnis zueinander gebracht worden ist, dass in der Anschauung eine Spannung entsteht, die an die Kraft, die den Naturzyklen zugrunde liegt, heranführt. Was Goethe später in seinen Forschungen über die Metamorphose der Pflanze ausgeführt hat, ist in seinem "Stein des Glücks" als Frage und Anspruch schon deutlich formuliert.

Oeser äußerte Kritik gegenüber dem fertiggestellten Stein.*4 Er meinte, man würde ihn nicht von einem Gartentürpfosten unterscheiden können. Das läßt an Kandinskys über 100 Jahre später gestellte Frage denken, was ein abstraktes Bild von einem Tapetenmuster unterscheide. Seine Antwort lautete: "Die innere Notwendigkeit".


 

 

Goethe nach einer Klauerbüste von 1790 , Ulrich Rölfing
Kohlezeichnung, Weimar, 2001

 

Anmerkungen

*1 Höhe des Würfels = 90 cm, Höhe der Kugel (Durchmesser) = 73,25 cm nach Werner Wieland, Der "Stein des guten Glücks" im Garten am Stern, im Goethejahrbuch 1986
*2 John,Timo, Adam Friedrich Oeser
*3 Kruft Hanno-Walter,Goethe und die Architektur, in Pantheon,1983,S.288
*4 John,Timo, Adam Friedich Oeser


 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
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